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Weihnachten in der Diaspora

Es ist wieder Winter geworden. Wie jedes Jahr führt mein Weg mich zurück in den Norden, zurück zu den Wurzeln, zurück an die Plätze meiner Jugend, an denen wir jedes Weihnachten für ein paar Tage die alte Zeit wieder hochleben lassen. Geflissentlich ignorierend, dass jeder auf seine Art aus dieser unseeligen Vorstadt flüchtete, weil jedem klar geworden war, dass es hier keine Wege mehr zu beschreiten gab. Hier, im Bremer Norden, regiert das Morbide. Es ist ein klassischer Ort des Verfalls. Mit dem Fischfang und den Werften kamen die Arbeiter, brachten dieses beschauliche Fischerdorf auf knappe 100.000 Einwohner. Seit die Fische von Maschinen in Bremerhaven verarbeitet und die Schiffe in Fernost gebaut werden, befindet sich die Vorstadt im Niedergang – stetig, unabwendbar. Als zuletzt der riesige Bockkran der Vulkan-AG demontiert wurde, um zukünftig Maschinen und andere Schwerlast in die Bäuche französischer Kriegsschiffe zu wuchten, verlor Vegesack sein letztes industrielles Wahrzeichen. Schon vorher hatte das einzige Kino geschlossen und die immer neuen Infrastrukturmaßnahmen, die aus unserer kleinen Vorstadt ein Ressort der Nah-Erholung machen sollten, verliefen eine nach der anderen im Sand. Immerhin, die Promenade an der Weser ist wirklich hübsch geworden.

Jedes Weihnachten setzte ich mich dann in das Auto meiner Mutter und fahre eine Weile durch die Straßen dieser Stadt. Bemerke einen neuen Supermarkt hier und eine alte Baulücke dort. Sehe mich, mit den alten Jungs vor vielleicht 15 Jahren, an genau dieser oder jener Bushaltestelle Küstennebel exsen und mit Wodka-Marakuja nach spülen. Typische Erinnerung einer fast schon dörflichen Jugend. Ich sitze also in einem kleinen, roten Ford und weiß, dass es zwei Autogenerationen lang Renaults-Clios waren, in denen ich anfangs chauffiert wurde, um später selbst hinterm Steuer zu sitzen. Die Verfügbarkeit eines fahrbaren Untersatzes ist hier nicht hoch genug einzuschätzen: Es ist der Türöffner für das große Abenteuer Innenstadt, es ist die Ansage, dass gute 4Stunden gen Westen Gras in allen Formen und allen Mengen verfügbar ist, es ist die Möglichkeit gewesen, mit einem Mädchen, dass man mag, raus auf das platte Land zu fahren, um auf einem verwunschenen Feldweg einen kleinen Dübel zu rauchen und den Sternenhimmel beim Leuchten zu betrachten. Es gab, diese Ergänzung gönne ich mir noch, einen Freitag-Nachmittag, an dem wir, zu viert, stundenlang auch noch den schäbigsten, verkommensten Dealer abgeklappert hatten, in der Hoffnung auf ein paar Joints an diesem Freitagabend. Heute erschauere ich bei dieser Erinnerung, erschauere über unsere Fixiertheit auf den freitagabendlichen Dübel. Und dann kam dieser Vorschlag: „Verdammt, dann fahren wir halt nach Groningen...“ Der Fahrer merkte an, dass er über die ADAC-Card seiner Mutter auf jeden Fall würde tanken können. Er wurde in die Pflicht genommen, sich halbwegs nüchtern zu halten und schon steuerten wir die Autobahn Richtung Emden an. Unterm Strich haben wir also fast drei Stunden in Nord versucht, was zu rauchen zu organisieren um dann weitere 4 Stunden nach Holland zu knattern, um dort im ersten Coffeeshop jeweils einen fertig gerollten Joint und einen Zwanziger Gras für Daheim zu kaufen. Den Joint haben wir bei einem Glas Cola sofort geraucht, übermütig die umfangreiche Karte des Ladens musternd. Um uns herum Holländer, die Idioten wie uns auf keinen Fall leiden konnten. Natürlich nicht, halbstarke Drogentouristen aus Deutschland sind ein beschissenes Publikum. Wir also gegen 1Uhr Nachts zurück ins Auto und ab nach Deutschland. Natürlich hatten wir darauf geachtet, nicht die in Niedersachsen gültige Obergrenze für Eigenedarf an leichten Betäubungsmitteln zu überschreiten. Der Anteil des Fahrers wurde auf die 4 anderen Teilnehmer umgelegt, alles in komplett fadenscheinigen, um nicht zu sagen lächerlichen Verstecken deponiert und die Rückreise angetreten. Eine solche Rückfahrt war niemals langweilig, sie war im Gegenteil nervenaufreibend. Wagen, die uns zu lange folgten, erregten Unmut. Blaulichter waren geneigt, die ganze Autobesatzung in Angst und Schrecken zu versetzen. Ich glaube nicht, dass wie auch nur eine Pause gemacht haben. Wie gesagt: Im Nachhinein erschüttert mich die Hingabe, mit der wir uns damals auf die Jagd nach einem noch so kleinen Brocken Piece, einer noch so kleinen Blüte Weed gemacht haben. Das Konzept „Suchtverhalten“ passte nicht in unser Selbstverständnis als wilde Freaks, die in jedem Fall cooler waren, als die ganzen Deppen um uns herum. Genau das also, was die Jugend aus Mitte über uns, die Jugend aus Nord dachte... Das Weed-Problem war eine Geschichte aus Langeweile. Es gab partout nichts zu unternehmen, was uns nicht noch langweiliger erschien, als was zu rauchen zu organisieren. Kiffen war eine ganze Zeit der Kit einer großen, recht inkonsistenten Clique. Es gab kleine Kerne, Leute, die seit der Grundschule dieselben Klassen besucht hatten und zwischen die kein Blatt Papier passte, es in in nicht wenigen Fällen immer noch nicht tut, all den Jahren und Kilometern zum Trotz die mittlerweile zwischen uns liegen. Ein solcher Kern plus eins waren wir: Jan, Axel und ich hatten als Grundschüler Detektiv gespielt und mit Ketchup Blutspuren in den Schnee gelegt. Waren dann die zwei Jahre der Orientierungsstufe in Parallelklassen, um uns ab der 7. Klasse im Gymnasium wieder zu treffen und dort bis zum Abitur jeden erdenklichen Bullshit zusammen zu unternehmen. Erik war erst in der 5ten zu uns gestoßen und sollte uns, was wir da noch nicht wussten, auch wieder verlassen, regelrecht in der Versenkung verschwinden. Wir vier waren ein eingeschworenes Team in unserem kleinen Kosmos, das insbesondere in Fragen der Rauchwarenbeschaffung eigentlich immer gemeinsame Sache machte.

Schließlich kam der Zivildienst, eine damals seelige Zeit. Wir hatten unsere Führerscheinprüfungen bestanden, verdienten unsere paarhundert Mark als Zivis, hatten kaum Ausgaben und ansonsten wenig zu tun und garnichts zu denken. Es war das Ende der Dürrezeit. Zu Monatsanfang überboten wir uns gegenseitig beim Anlegen eines 4Wochen Vorrats an Rauchwerk, das wir in immer kürzeren Abständen wegpafften. Und selbst das Organisieren hatte sich gänzlich entspannt, was eine besondere Ursache hatte. Diese Ursache trug den Namen „Bulldog“ und war ein Kellerkneipe in der Innenstadt. Jeder Freund holländischer Exportschlager wird bei dem Namen „Bulldog“ hellhörig, ist es im Land der Tulpen und Windmühlen doch eine große Coffee-Shop-Kette. Der Name war keineswegs zufällig gewählt. Von einem Tag auf den anderen hatten wir also eine zuverlässige Quelle, denn Bremen hatte einen (natürlich illegalen) Coffee-Shop. Es war nicht erste Wahl, schon deshalb nicht, weil dort ausschließlich dieses schwere, öllige Haschisch verkauft wurde, der gute alte „Schwarze Afghane“. Die Häfen und die Nähe zu Holland hatten uns wählerisch werden lassen, wir rauchten eigentlich ausschließlich Holland-Gras. Hasch war als „Bobel“ verschrieen und regionale Produkte tauften wir „Deutsche Hecke“ und all das war eigentlich unter unserem Niveau. Aber wenn in Nord mal wieder ein Engpass herrschte, war es nur eine Frage des fahrbaren Untersatzes, um diesen Engpass zu überbrücken.

Es muss Ende 1998 gewesen sein, als mal wieder Bedarf an einer Expedition gen Bulldog fällig wurde. An diesem Abend hatte ich das Auto meiner Eltern ergattern können, es war also alles auf einem guten Weg. Abends fährt man eine knappe halbe Stunde auf der B74 um aus unserem provinziellen Bremen-Nord in die City zu kommen. Ich erinnere mich, dass wir in einer höllisch enge Parklücke in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit parkten. Ich achtete penibel darauf, aber auch garnichts zu touchieren und schließlich stand unser Wagen ordentlich in der Reihe der anderen parkender PKW's. Überhaupt, wir lebten ja unser kleines Paralleluniversum, unsere Eltern wussten unsere Hingabe zu dem grünen Kraut gekonnt zu verdrängen, oder jedenfalls nicht auf die familiäre Agenda zu setzten. Hin und wieder erwischte es einen von uns und der Vater fand das Grasdöschen im Nachttisch oder komische Zigarettenfilter in der Hecke. Dann wurde in der Regel angedroht, man werde dem Betroffenen helfen, indem man ihm zukünftig den Umgang mit diesen schlechten Leuten, die das eigene Kind zum Kiffen verführt hatten, zu unterbinden. Die Spitzen dieser Strafaktionen waren eine komplett verscheuerte CD-Sammlung und zwei Wochen Hausarrest. (Die CD-Sammlung hatten Freunde über einen Strohmann gekauft und damit deren Verlust verhindert.) Ein anderer Kerl aus der Peripherie dieser Clique war mit einem tatsächlich schrecklichen, furchteinflössenden Vater gestraft. Einer dieser Leute, die einen Tag zu früh aus dem Urlaub kommen und dann einen ganzen Videoabend umgehend vor die Tür setzen und dem Sohn eine Gardinenpredigt allererste Güte kredenzen, obwohl wir weder gesoffen noch gekifft hatten an diesem letzten Abend in einer sturmfreien Bude, von der jedem klar war, dass sie morgen in 150prozentigen Zustand zu seien habe. Dieser Vater fand eines Tages die Blubb des Sohnes. Es war ein schöner, mittelgroßer Bong aus Acrylglas, gut zu rauchen und mit dem obligatorischen Hanfblatt auf dem Schafft. In einem Anflug von wahrem Sadismus zerrte der Vater den Sohn sammt Bong in den Garten zum Hauklotz und lies den Jungen eigenhändig das gute Stück mit einem Beil zerschmettern, soweit die Pädagogik des 20 Jahrhunderts. Jedenfalls, um zurück zum Thema zu kommen, wir waren peinlich darauf bedacht, keine Spuren irgendeiner Art zu hinterlassen und hatten dieses kleine Katz-und-Maus-Spiel bis ins kleinste Detail perfektioniert. Als Fahrer eines gewissermaßen „Drogenkuriers“ oblag mir an diesem Abend ein besonderes Risiko, darum auch das übervorsichtige Einparken. Ein Brief der Polizei auf dem Frühstückstisch meiner Eltern war zweifellos der Worst-Case meiner damaligen kleinen Welt. Ich war in diesen Jahren ein wenig neidisch auf Altersgenossen, die einen unverkrampften Umgang mit ihren Eltern hatten, was dieses Thema betraf. In meinem Falle hatten sich dies als nicht-realisierbar erwiesen. Als das Thema auf den Tisch kam, war ich fällig mit der „Wir wechseln deinen Freundeskreis“-Ansage, die ich selbstredend noch am gleichen Abend bei einem ordentlichen Joint mit meinen Jungs erörterte. Das Thema kam nie wieder auf den Tisch, es wurde konsequent totgeschwiegen, was mir mehr oder weniger egal war. Ich spare hier die Details aus, aber in meinem Fall war der „Kiff-Incident“ ein Ereignis von erheblicher Reichweite. Ich war, nur meiner Mutter gegenüber, ehrlich gewesen und hatte ihr in einem ruhigen Moment eröffnet, dass ich kiffe. Sie hatte des gefasst und mit mütterlichen Warnung garniert zur Kenntnis genommen. Ich hatte keine Begeisterung erwartet, war aber glücklich, es gesagt zu haben. Die Tragik begann, als mich mein Vater eines Tages fragte, warum ich am vorherigen Abend so komisch abwesend gewesen sei. Ich antwortete mit dem stotternden Herzen, das man hat, wenn man ahnt, dass gleich etwas schreckliches passieren wird: „ Ich hab halt einen gekifft.“ Dann brach die Hölle los und ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder so heftig mit meinem Vater gestritten zu haben. Der Streit endete, als ich, sprichwörtlich in die Ecke getrieben, meinen Vater fragte, warum er hier so einen Aufstand mache, wo meiner Mutter doch seit einem halben Jahr bekannt war, das ich kiffe. Mein Vater machte auf dem Abstatz kehrt, lief zu meiner Mutter in den Garten, debattierte eine halbe Stunde mit ihr und danach wurde in unserer Familie kein Wort mehr über dieses Thema verloren. Es war ein einschneidendes Ereignis. Es war der Tag, an dem ich mich vom Konzept der Aufrichtigkeit gegenüber meinen Eltern verabschiedete. Damals manifestierte sich ein Paralleluniversum, ich war ihnen gefühlt keine Rechenschaft mehr schuldig. Ich war also in doppelter Hinsicht darauf erpicht, dass die Tour gen Bulldog an diesem Abend kein Nachspiel in irgendeiner Art haben würde. Bereits das Foto eines Blitzers auf der Strecke Bremen – Bremen-Vegesack hätte mich in Erlärungsnöte gebracht. Wie bereits bei der Freitagabend-Tour gen Holland, war auch dieser Abend einer unter erhöhtem Adrenalin-Pegel und ich war derjenige von uns, der es am eiligsten hatte, den Wagen wieder abzuliefern und sich in die Dachgeschoßwohnung von Axel zu verkrümeln, der als damals einziger über einen separaten Eingang mit Klingel verfügte und der bis auf seltene Besuche seiner Eltern dort oben frei residierte, bereits eine eigene Wohnung im Haus seiner Eltern hatte. Mehr Luxus ging damals nicht!

Wir hatten also den Wagen geparkt und liefen durch eine Seitenstraße, in der sich die Hinterhöfe verschiedener Kneipen, Geschäfte und Restaurant aneinanderreihten. Alle Läden bis auf das Bulldog zeigten dieser Straße ihre Müllcontainer, Klimaanlagen, Dunstabzugshauben und Lieferanteneingänge. Hier wurde weniger flaniert als vielmehr geparkt, um dann an der Vorderseite zu flanieren. Und hier hing, recht weit am Ende der Straße über einem Kellereingang, das kreisrunde, grüne Schild mit der gräulichen Bulldoge. Ich erinnere mich gut an diesen Laden, es war ein aufregender Ort. Eigentlich eine gewöhnliche, düstere Kellerkneipe mit einem Tresen und einem Dutzend Tische, jeder mit hölzernern Stellwänden vom Nachbartisch getrennt. Die Tische waren noch düsterer und verwunschener als der Laden ohnehin schon war. Auf einer Fensterbank lagen Bildbbände, die meisten hatten Bezug zu Marihuana. Es gab einen wunderschönen Band, in dem in verschiedenen Regionen der Welt der Weg vom Samen bis zum Joint dokumentiert wurde. Ich erinnere mich an das Bild eines klassischen Klohäuschens mitten im marrokanischen Nirgendwo. Quadratischer Grundriss, 1x1 Meter, die Holzwände rund zwei Meter hoch. Die Tür nahm die gesamte Fläche der Vorderwand ein und stand offen. Das Häuschen war bis unters Dach mit frisch geerntetem Gras gefüllt – die Ernte - ein köstlicher Anblick, auch heute noch. Ich habe jedesmal, wenn wir im Bulldog waren, in diesem Buch geblättert. Ein anderer Hingucker war die Barkeeperin. Frauen hinter einen Tresen sind seltsame Geschöpfe, sie strahlen meistens etwas herrisches, fast diktatorisches aus. Sie jedenfalls führte ihr definitiv das Regiment und lies uns mit jedem abfälligen Blick wissen, das wir nur Gewürm an ihrem Tresen waren und unsere eine Cola pro Person ebenso wenig interessierte, wie unser jämmerlichen spätpupertären Erscheinungen. Sie trug meist ein tiefes Dekoltee, an dessen Ränder kräftige, dunkle Haare herunterfielen. Mit einer Mischung aus Strenge und Langweile ging sie ihrer Arbeit nach und war dabei wirklich schön. Verstärkt wurde ihre Wirkung durch einen handtellergroßen Wolfskopf, der auf ihre linke Brust tätowiert war. Der Rand des Dekoltees verdeckte das äußere Drittel des Kopfes, ich habe ihn zuerst nicht erkannt und sah mich in der komischen Situation, ihr nicht auf den blanken Busen starren zu wollen, anderseits aber den Sinn des Bildes erkennen zu wollen. Naja, sie wird diese flüchtigen, etwas ängstlichen Blicke gekannt haben. Wahrscheinlich eine Art Einstellungstest, und ich hatte mich direkt als Made disqualifiziert. Aber egal, wir waren ja nicht wegen den Frauen hier, schon garnicht wegen einer Barkeeperin von diesem Kaliber, so realistisch waren wir dann doch. Überhaupt, Frauen spielten eine seltsam untergeordnete Rolle in unseren Kreisen, wir alle waren verheiratet mit Mary Jane. Nein, was uns interessierte befand sich immer in einem Mantel, der in der Nähe des Eingangs an einem Kleiderständer hing. Die Taschen dieses Mantels waren rappelvoll mit Hasch, man konnte den Geruch nicht ignorieren, wenn man die steile Treppe hinabstieg in das schummerige Reich der Wolfskopf-Lady. Das Ritual war denkbar einfach: Man setzte sich irgendwo hin, bestellte ein Cola und nippte an ihr mit diesen 0,01 mL-Schlücken, mit denen Leute trinken, die sich vorgenommen haben, keinesfalls mehr als dieses eine Glas zu bestellen. Irgendwann kam dann einer dieser Typen zu einem an den Tisch. Keine Ahnung was das für Leute waren, südländischer Herkunft, vielleicht Balkan, Albaner oder Türken, für uns spielte das letztlich keine Rolle. Sie wirkten ein wenig halbseiden, aber alles andere hätte an diesem Ort sehr überrascht. Ein solcher Typ nahm dann die Bestellung entgegen, ging zu dem Mantel, holte einige Päckchen aus den Taschen und übergab sie uns. Wir tranken die letzte Pfütze Cola und verließen den Laden, eine leise Verabschiedung im Raum stehen lassend, auf die niemand antwortete. So war es auch an diesem Abend gewesen. Wir waren zurück zum Wagen gelaufen, die Straße hatte sich geleert und ich konnte mit einem Zug ausparken. Kurze Zeit später stand der Wagen in der Einfahrt meiner Eltern, ich lieferte den Schlüssel ab und sagte, wir würden noch zu Axel, Film gucken. Ich hatte es eilig, da ich der einzige war, der noch nicht gekifft hatte. Dann begann einer dieser Abende, wie ich wohl tausende verbracht habe, ein weiterer Abend in sinnfreier, bekiffter Geselligkeit. Der Unterschied zwischen uns und unseren Eltern samt dem Rest der Welt bestand wohl darin, dass wir uns unsere Abende sinnfrei und bekifft um die Ohren schlugen, während der Otto-Normal-Bremen-Norder sinnfrei aber unbekifft seine Zeit totschlug; sinnfrei und alkoholisiert dürfte das dominierende Muster gewesen sein.

Am nächsten Tag kam es zu einem unerwarteten Nachspiel: Am Mittagstisch wurde ich gefragt, was denn mit dem Wagen passiert sei. Ich wusste nicht, worauf meine Eltern hinaus wollten und ging wohl die möglichen Katastrophen durch: Hatte jemand Papers im Wagen verloren? War ich geblitzt worden? Ich wusste es nicht. Mein Vater sagte: „Na dann schau dir mal den linken Kotflügel an.“ Meine Mutter hatte diesen besorgt-strengen Gesichtsausdruck aufgelegt. Ich ging raus auf die Einfahrt und sah von dort aus eine ordentliche Delle im linken Kotflügel. Nicht einfach etwas eingedrücktes Metall, der Lack war in den Kerben und auf den Kanten abgesprungen, das gesamte Teil deformiert und verzogen. Ich ging zurück ins Haus und erklärte meine Eltern, dass ich nicht die geringst Ahnung hätte, wo diese Delle herkam, dass ich mir – und das war die Wahrheit – absolut sicher sei, dass nicht ich diese Delle in den Wagen gehauen hatte. Ich war mir tatsächlich sicher. Der Fall sollte damit für's erste erledigt sein. Die Delle übernahm die Versicherung, meine Eltern stänkerten über steigende Versicherungsbeiträge und glaubten mir in jedem Falle nicht, dass nicht ich für den lädierten Kotflügel verantwortlich gewesen sei. Im Gegensatz zu dem Kiff-Zwischenfall hatte ich hier ein noch ausgeprägteres Gefühl des Unrechts. Es machte mich rasend, dass meine Eltern mir nicht glaubten. Es machte mich besonders sauer, weil ich ein verdammt aufrichtiges Kind gewesen war. Ich hatte eher die Fresse gehalten, als zu lügen und war nun dementsprechend resigniert. Aber was spielte das noch für eine Rolle? Ich war auf dem Sprung, die Stadt zu verlassen, um woanders ein Studium und am besten ein neues Leben zu beginnen. Ich wollte mit dem ganzen Rotz nichts mehr zu tun haben. Sollten meine Eltern denken was sie wollen, solange sie mir ein Studium finanzierten, konnte mir das wurscht sein. Es war eine „bescheidene“ Zeit in Hinblick auf Familie. Dazu passte ganz gut, dass mir der damalige Freund meiner Schwester irgendwann steckte, dass Mutter und Schwester erhebliche Zweifel daran hatten, dass ich es schaffen würde, alleine einen Haushalt zu führen. Es waren genau diese Kleinigkeiten, die mich immer mehr entfremdeten. Ich habe mich schlicht gefragt, was da denn nicht zu schaffen sein soll. Essen kaufen? Wäsche waschen? Ne Telefonrechnung bezahlen? Naja, ich bin weder im Dreck ersoffen noch an Hunger gestorben und einige Jahre später sollte meine Mutter beim Anblick meines „Papierkram“-Ordners mit den ordentlich eingehefteten Kontosauszügen überrascht feststellen: Mensch Kuddel, du hast ja richtig Ordnung in deinen Unterlagen.“ - „Ach ne...“ war meine gewohnt fahrige Antwort. Langsam wird es eine traurige Geschichte. Jedes Jahr zu Weihnachten kehre ich also zurück in meine Vorstadt und hänge solchen Erinnerungen nach. Jedes Jahr hat meine Mutter eine graue Strähne mehr und mein Vater ein Jahr weniger zu arbeiten. Aus dem lieben Gonzo wurde Doktor Gonzo der Juristerei, während sich ein anderer Jahrgangsgenosse vor den Nahverkehrszug nach Bremen-Hauptbahnhof geworfen hat. Wenn der Tot die eigene Generation erreicht, hört man auf, sich Jugendlich zu fühlen. Hin und wieder denke ich an den armen Kerl, den ich viel weniger kannte als ich ihn schätzte. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass viele so dachten und das ist ein Gedanke, den man ungern zuende denkt. Irgendwo hat uns dieser Tod berührt, weil jeder ein Ahnung hatte, aus welchen so schrecklichen wie irrationalen Gründen dieser mit musikalischem Talent und Charisma gesegnete Mensch nicht mehr leben wollte. Ich habe einen Zusammenhang zwischen unserer Vorstadt und seinem Tod gesehen. Ich halte die Wahl dieses einzigen Zugs, der diese Vorstadt verlässt, für einen mit Bedacht gewählten Schafrichter. Ich glaube, ihn haben die Geister erwischt, vor denen wir anderen geflohen sind, er im übrigen auch, wohl zu spät. Er war mit meiner ersten Freundin zusammen gewesen. Er war der erste, dem ich diese Frau gönnte, der mir angemessen für dieses Mädchen erschien. Ich habe ihn gemocht und auch bewundert, vor dieser Beziehung ebenso wie danach, was nicht ganz selbstverständlich ist. Ich lernte ihn über die gemeinsame Freundin besser kennen, bewunderte sein Saxophon, die Jazzplatten, die guten Menschen, mit denen er sich, Jahre nach dem Ende der Norder Zeit, nun in Oldenburg, umgeben hatte. Ich erfuhr am darauf folgenden Weihnachten von seinem Tod, ich war schockiert.

Alte Läden schließen, Supermärkte öffnen und jedes Jahr sitzt der alte Reigen in der alten Kneipe und spielt das ganz alte „Und was machst du mittlerweile so...“ - Spiel. Es ist eine eherne, nicht immer geliebte Tradition. Die allermeisten kommen trotzdem wieder, ich sowieso.

Es ist nun auch schon wieder einige Jahre her, als ich wieder rund um den 23ten Dezember in Vegesack aus dem Zug stieg. Am Gleis, wie immer mit Pfeife im Mund und die andere Hand in der Manteltasche, mein Vater. Ein kurze Begrüßung, Gang zum Auto, Fahrt nach Hause, Begrüßung von Mutter, die sich traditionell mehr zu freuen scheint als mein Vater. Und diesmal dieser Brief auf der Ablage im Wohnzimmer. Mein Vater macht mich direkt auf ihn aufmerksam, eigentlich zu schnell, ich habe gerade erst den Rucksack abgestellt, noch nichtmal die Jacke ausgezogen. Ich sage dieses „Moomeeent..“, dass ich in dieser Art, mit dieser Betonung, so nur bei meinen Eltern sage. Lege schon wieder diesen genervten Blick auf, erschrecke, dass es keine 30Sekunden im elterlichen Haus gedauert hat, bis ich wieder in den alten, genervten Tonfall verfalle. Gebe mir dann Mühe,

nehme den Brief, erkenne die Schrift nicht, fange an zu lesen. Bei der zweiten Zeile sagt mein Vater sein gutgelauntes: „Wahnsinn, ne?“ Ich antworte nicht, lese weiter. Der Brief stammt von einem Mann und beginnt damit, uns ein besinnliches Weihnachtsfest zu wünschen. Dann schildert er, immer wieder unterbrochen von Bibelzitaten und anderem religiös-debilen Quatsch, dass er vor mittlerweile mehr als drei Jahren beim Ausparken in der Bremer Innenstadt eine grobe Delle in unseren Kotflügel gefahren hatte. Er hatte sich zwar das Nummernschild notiert, es dabei aber bewenden lassen. Seit diesem Tag hätten ihn dann Gewissenbisse gequält darob seines sündigen Verhaltens und er wolle sich nun, endlich, entschuldigen, die Sache bereinigen und auch die entstanden Kosten im Nachhinein begleichen. Ich werde etwas wie: „Und ihr habt mit natürlich nicht geglaubt.“ gesagt haben. Und dieses eine mal hatte ich recht, diesmal bekam ich eine Entschuldigung. Es war ein späte Genugtuung und das Detail, dass ich offiziell an diesem Abend vor drei Jahren garnicht in der Innenstadt war, fiel dankenswerterweise unter den Tisch. Wir haben dann wie jedes Jahr Weihnachten gefeiert: Recht kurz, recht schmucklos, jetzt wieder Jahr für Jahr ein Stückchen herzlicher, da man sich langsam wieder etwas zu sagen hat. Immer noch bin ich der erste, der im Pinökel, der Kneipe unserer Jugend, einläuft. Ich sehe Alice hinter dem Tresen, erschrecke bei dem Gedanken, dass sie jetzt mehr als 10 Jahre hinter diesem Tresen steht, dass ich sie aus einer Zeit kenne, in der sie noch nicht hinter diesem Tresen stand. Ich erinnere mich, dass sie einige Jahre davon sprach, dies alles, die Kneipe, die Stadt, verlassen und hinwerfen zu wollen. Ich erinnere mich, gesagt zu haben, dass sie das nicht machen solle, weil sie ein Stück meiner Erinnerung sei und ich sie nicht hinter diesem Tresen missen möchte. Ich erinnere mich, dass ich eigentlich gedacht habe: „Warum hast du dieses Nest nicht längst verlassen?“, man sowas aber so nicht sagt. Ich erinnere mich, dass sie irgendwann aufgehört hat, davon zu reden, hinzuschmeißen und die Stadt zu verlassen. Sie hat hier jetzt eine Wohnung mit ihrem Freund, die Kneipe scheint irgendwie zu laufen, man hat sich arrangiert... Andere sind auch zurückgekehrt, leben jetzt wieder hier, im heimeligen, beschaulichen, strukturschwachen Bremen-Vegesack. Die Aussicht erscheint mir immer noch wie eine Drohung, auch wenn eine gewisse Milde eingekehrt ist. Unter bestimmten Umständen kann ein Leben hier wirklich schön sein. Ich weiß allerdings, dass dies nicht meine Umstände sind, nicht jetzt, nicht in absehbarer Zukunft. Ich weiß auch, dass ich eine bestimmte Person nicht sehen werde, von einigen mehr weiß ich es auch. Andere erwarte ich, nur ein paar weniger werden kommen und wir werden uns drei Nächte lang besaufen und in alten Erinnerungen schwelgen. Dem ein oder anderen neuen Traum nachhängen, Anteil nehmen am Leben dieser Leute, die einen anders und besser kennen, als das unsere neuen Freunde in unseren neuen Städten jemals können werden. Wir alle wissen: die kommende Woche muss für ein ganzes Jahr reichen. Dann wird es wieder Weihnachten, dann sehen wir uns wieder...

26.12.08 16:13
 


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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Äotzäohäordt / Website (28.12.08 22:05)
P.S.: Alles richtig, aber die Details zur Grenzüberquerung nach der albernen Rasen-Shopping-Tour nach Groningen (Kaaskopp-Zöllner paar Kilometer vor Grenze: "Was haben Sie gemacht?", Antwort: "Eingekauft", Frage: "Was?", Antwort: "Nix"....mal lieber über die grüne Grenze!!!!!) fehlen mir.

Ansonsten bringt man sich nach fünf Tagen HB-Nord ja nicht umsonst auch wieder in Sicherheit, auf halbem Weg in den urdeutschen Ural, in meinem Fall... :-)

Bekifft Beulen in Elterns Karre fahren kann auch unspektakulärer von statten gehen, diese Story hat mindestens Subplot-Niveau. Großes Tennis.


hans (14.1.09 00:44)
sehr geil!!!!!!!!!!!!!!!!


Dinsch (27.1.09 15:24)
Steinerweichend

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